Anna Halmer ist Deputy General Counsel von Delivery Hero. Ihr Weg von der Großkanzlei ins Food Delivery-StartUp

Anna Halmer, Deputy General Counsel @ Delivery Hero

Anna Halmer ist Deputy General Counsel von Delivery Hero. Ihr Weg von der Großkanzlei ins Food Delivery-StartUp

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Vor fünf Jahren wechselt Anna Halmer von der Wirtschaftskanzlei ins Food Delivery-StartUp. Heute ist sie Vice President Corporate and M&A Law sowie Deputy General Counsel bei Delivery Hero. Ihre Karriere zeigt: Es muss nicht immer die klassische Anwaltslaufbahn sein. Halmer ruft zum Querdenken und zu mehr Kreativität in Sachen Karriereplanung auf.

Anna Halmers juristische Karriere startet in der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller. Inzwischen leitet sie die Abteilung für Gesellschaftsrecht und M&A und ist Deputy General Counsel bei Delivery Hero – dem weltweit größten Online Food Delivery-Netzwerk. Für die Zukunft von Delivery Hero formuliert die Juristin ein klares Ziel: „Im Online Food Delivery Business wollen wir weiterhin führend bleiben und den Markt komplett für uns gewinnen. Auch indem wir nach und nach neue Geschäftsbereiche aufbauen, die mit unserem Kern-Business verwandt sind. Es geht nicht mehr nur um Essenslieferungen, sondern auch um neue Konzepte wie Online-Restaurants.“

Foto: Delivery Hero SE

„Delivery Hero ist ein starker Arbeitgeber in der Legal-Branche. Bei uns arbeiten über 30 nationale und internationale Juristen.“

Neue Wege gehen und kreativ denken – das erhofft sich Halmer auch für die Legal-Branche im Allgemeinen: „Was ich mir wünsche, ist ein Bewusstsein dafür, dass neben Richter, Staatsanwalt und klassischem Anwalt noch mehr spannende Laufbahnen möglich sind“, so Halmer. „Kanzleien legen eine super Karrierebasis, aber die juristische Welt darf noch etwas kreativer, dynamischer, jünger werden. Erste Trends in die Richtung sind schon zu sehen und dazu zählt auch das Lawyers Magazine, das einen Blick über den Tellerrand ermöglicht.“ Anna Halmer ruft zum Querdenken auf, wenn es um die eigene Karriere geht. Den Tunnelblick ablegen und für vermeintlich ungewöhnliche Optionen offen sein – zum Beispiel bei Delivery Hero: „Wir haben viele Jobs ausgeschrieben und stellen ständig neu ein. Studenten, Referendare, deutsche und internationale Juristen – wir sind definitiv ein starker Arbeitgeber, auch in der Legal-Branche.“

„Die juristische Welt darf noch kreativer, dynamischer und jünger werden!“

Wie ein Wechsel von der klassischen Anwaltslaufbahn ins Unternehmen aussehen kann, weiß Halmer aus eigener Erfahrung: „Bei Hengeler Mueller hatte ich super Kollegen, spannende Projekte, die Lernkurve war steil und ich habe die Zeit sehr genossen“, so Halmer. „Aber ich habe früh gemerkt, dass die externe Beratung nicht ganz zu mir passt. Ich war weit weg vom Tagesgeschäft und der Business-Strategie meiner Mandanten. Den Erfolgsweg eines Unternehmens konnte ich nur kurzzeitig begleiten. Gerade in Merger and Acquisitions arbeitet man ja sehr projektbezogen.“ Obwohl es Halmer gefällt, an der Schnittstelle von Wirtschaft und Jura zu agieren, wünscht sie sich, tiefer in die wirtschaftliche Seite einzutauchen. Durch Zufall kommt Sie mit dem Management von Foodpanda in Kontakt – und bekommt eine einmalige Chance.

Foto: Delivery Hero SE

„Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich einlasse, wollte die Herausforderung aber unbedingt annehmen.“

„Die Stelle bei Foodpanda war wie für mich gemacht“, so Halmer „Gesucht wurde jemand Junges mit Großkanzlei-Erfahrung, die in der Lage ist, sich um alle Rechtthemen einschließlich Compliance zu kümmern und gleichzeitig viel Expertise im Bereich M&A mitbringt.“ Ein perfektes Match! Die Juristin ergreift die einmalige Chance, als General Counsel eine Rechtsabteilung komplett neu aufzubauen – und macht einen mutigen Schritt ins Ungewisse: „Das Unternehmen gab es zu dem Zeitpunkt gerade mal zwei Jahre und natürlich war es noch lange nicht profitabel. Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich einlasse. Aber ich wollte die Herausforderung unbedingt annehmen. Sicherheit hat mir meine top Ausbildung gegeben: Im Zweifel würde ich woanders eine Stelle finden.“ Doch die Zeichen standen auf Erfolgskurs: Foodpanda wächst sehr erfolgreich und wird Ende 2016 an die Delivery-Hero-Gruppe verkauft, die nun in über 40 Ländern aktiv ist. Heute ist Anna Halmer Deputy General Counsel eines MDAX-Unternehmens. „Unsere Rechtsabteilung hat mittlerweile über 35 Juristen und wir wachsen wie verrückt“, sagt sie. „Diese Entwicklung mitzuerleben ist ein absolutes Highlight für mich. Schließlich war ich, als mein Weg im StartUp begann, die einzige Juristin.“

„Dabei zu sein, als in Frankfurt an der Börse die Glocke geläutet wurde, war ein einzigartiger Moment.“

Delivery Heros Börsengang in 2017 ist ein weiterer beruflicher Höhepunkt: „Zu dem Zeitpunkt war ich gerade von Foodpanda zu Delivery Hero gewechselt. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort – am Anfang konnte man ja nicht ahnen, dass das StartUp und das Thema Online Food Delivery so einen Nerv treffen.“ Nach dem Kauf von Foodpanda geht Delivery Hero gestärkt in den Börsengang, der von Halmer mitbetreut wird: „Das war viel Arbeit – und nicht zu vergleichen mit etablierten, alten Unternehmen, die jahrelang auf einen Börsengang hinarbeiten. In kürzester Zeit haben wir das Unternehmen IPO ready gemacht und den Börsengang rechtlich vorbereitet. Schließlich in Frankfurt dabei zu sein, als die Glocke geläutet wurde, war ein einzigartiger Moment.“

„Meine Aufgaben haben sich zunehmend ins Management verschoben. Ich bin die Brücke zwischen Business und Rechtsabteilung.“

Halmer liebt ihre Branche: „Im Kern sind wir eine Tech Company, unser Produkt ist Online Food Delivery. Das ist ein Produkt, mit dem ich mich voll identifizieren kann: Es bringt Menschen Freude und hat keinen negativen Impact.“ Dabei arbeitet das Unternehmen daran, sich weiter nachhaltiger und umweltfreundlicher aufzustellen. „Dazu zählt zum Beispiel das Minimieren von Verpackungsmaterial“, so Halmer, die auch das internationale Arbeiten schätzt. „Allein in der Rechtsabteilung sind wir ein Team aus 15 Nationen. Die Zusammenarbeit ist sehr bereichernd,“ so die Juristin, deren Tätigkeitsschwerpunkt sich in den letzten Jahren immer mehr vom Juristischen hin zum Management verschoben hat. „Ich bin wie eine Brücke zwischen Business und internen sowie externen Anwälten. Ich organisiere, kommuniziere und nutze meine Erfahrung, um Richtungsvorgaben zu definieren.“

Foto: Delivery Hero SE

„Bei uns laufen bis zu 20 M&A-Transaktionen gleichzeitig. In nur zwei Jahren haben wir circa 40 Transaktionen geclosed.“

Merger & Acquisitions spielen nicht nur im Tagesgeschäft von Delivery Hero eine entscheidende Rolle, sondern sind auch Anna Halmers Steckenpferd: „M&A ist meine Leidenschaft. Ich liebe es, komplexe Deals zu verhandeln.“ Mindestens fünf Juristen arbeiten bei Delivery Hero ausschließlich an M&A-Prozessen: „Zeitgleich laufen circa zehn bis 20 Transaktionen. In den letzten zwei Jahren haben wir rund 40 geclosed – ziemlich einmalig für ein Inhouse-Team“, so Halmer. Dabei kauft das Unternehmen nicht nur Wettbewerber, sondern investiert auch in innovative Tech Companies aus den Bereichen ökologische Verpackungen oder Fleischersatz. Eine besondere Transaktion war natürlich die, die Halmer von Foodpanda zu Delivery Hero gebracht hat: „Als Foodpanda übernommen wurde, war ich als deren General Counsel von Anfang an dabei. Das waren zwei sehr intensive Monate.“

„Die Kombination aus Projektmanagement, Verhandlungen und intensiver Kommunikation macht M&A für mich zum spannendsten Rechtsgebiet.“

Heute sitzt die Juristin nur noch in sehr wichtigen Fällen mit am Verhandlungstisch: „Das ist etwas schade, denn M&A ist für mich das spannendste Rechtsgebiet: Mich fasziniert die Kombination aus Projektmanagement, komplexen Rechtsfragen, Verhandlungen und intensiver Kommunikation. Auch der oft extreme Zeitdruck macht diese Faszination aus – meine Grenzen auszutesten, macht mir Spaß.“ Was man für M&A braucht ist ein gutes Business-Verständnis – belohnt wird man damit, in enger Zusammenarbeit mit dem Vorstand die Strategie des Unternehmens zu implementieren „Gleichzeitig handelt es sich um Projektarbeit, die wenig Rücksicht aufs Privatleben nimmt“, so Halmer. „Natürlich ist das für mich als Mutter nicht immer einfach. Aber es geht und ich darf sowohl Mama sein als auch einen Job machen, der mich erfüllt.“ Voraussetzungen dafür seien Motivation, Disziplin, eine starke Infrastruktur im Privaten und ein Arbeitgeber, der einem den Rücken stärkt. „Dass ich meinen fordernden Job derzeit in Teilzeit weiterführe, war für Delivery Hero gar kein Thema. Das funktioniert auch dank einem hervorragenden Team, auf das ich mich komplett verlassen kann und welches mich wirklich stolz macht“, sagt die Juristin, für die sich der mutige Schritt ins StartUp voll ausgezahlt hat.