A

Anne Graue, Associate General Counsel bei TIER: „Die E-Mobilitätsbranche bietet Jurist*innen enormes Entwicklungspotential“

Anne Graue ist Associate General Counsel beim Start-up TIER und weiß: Der E-Mobilitätssektor ist für Juristinnen und Juristen ein echter Zukunftsmarkt. Gerade Start-ups holen sich Rechtsexpertise immer früher mit ins Team und bieten steile Lernkurven sowie innovative Produkte. Als ehemalige Anwältin, Richterin und Konzernjuristin kennt Graue alle Seiten der Legal-Branche – und erzählt im Interview von den Unterschieden. 

Als Anne Graue bei TIER startet, liegt bereits ein beeindruckender Karriereweg hinter ihr: „Ich bin als Anwältin bei Clifford Chance eingestiegen, habe aber schnell den Drang verspürt, mich tiefer mit Mandanten, ihren Produkten und Prozessen zu befassen, als das in einer Großkanzlei möglich ist“, so die Juristin. „Ich habe mich nach neuen Optionen umgeschaut und wurde zunächst Strafrichterin – ein Beruf, von dem ich eine sehr romantische Vorstellung hatte. In der Praxis wurde klar, dass ich als Richterin viel Zeit im Einzelbüro verbringe. Der kollegiale Austausch und auch die internationale Perspektive haben gefehlt.“ Schließlich wechselt Graue zu Audi: „Das war eine sehr bereichernde Zeit in einem tollen, hochqualifizierten Team, das spezialisiert an Fragestellungen gearbeitet hat. Hier habe ich viel gelernt und insbesondere im Bereich der E-Mobilität beraten.“

„Ein fünfköpfiges Legal-Team für über 1000 Mitarbeiter – meine Aufgabe ist es, klar zu priorisieren und transparent zu arbeiten.“

Nach über zwei Jahren bei Audi wünscht sich Anne Graue eine Veränderung – und landet bei TIER. „Der Mobilitätssektor hat mich weiterhin gereizt und ich wollte ein Start-Up Unternehmen in der Wachstumsphase kennenlernen. Die Vision und Leidenschaft des Teams haben mich einfach überzeugt.“ Als Associate General Counsel ist die Juristin heute mit einem fünfköpfigen Legal-Team für rund 1000 Mitarbeiter*innen zuständig. „Für all diese Menschen Ansprechpartnerin zu sein, ist herausfordernd. Der Kalender ist immer voll, neue Themen kommen kurzfristig dazu. Außerdem sind wir in zehn Ländern vertreten – mit dem Potential, weiter zu expandieren“, so Graue. „Ich muss also priorisieren und klar kommunizieren, wie schnell wir welche Anfragen bearbeiten können. Es ist essenziell, Verständnis für unsere Arbeit zu vermitteln. Deswegen habe ich inhouse ein transparentes Ticketing-System für Vertragsprüfungen entwickelt.“

„Die Entscheidungswege sind im Start-up deutlich kürzer als im Konzern. Enorme Flexibilität gehört hier zum Alltag.“

Was für Graue die signifikantesten Unterschiede zwischen Konzern und Start-up sind? „Die Entscheidungswege: Im Konzern dauert alles länger, viele Hierarchieebenen werden durchlaufen, die Pläne sind strikter. Im Start-up werden Entscheidungen extrem schnell getroffen, Flexibilität gehört zum Alltag“, so die Juristin. „Grundsätzlich arbeitet man als Inhouse-Juristin – sowohl im Start-up als auch im Konzern – sehr eigenverantwortlich und steht im engen Kontakt mit internen Mandanten. Ganz anders als in der Kanzlei, wo das klassische Partner-Associate-Verhältnis vorherrscht und junge Anwälte eher zuarbeiten.“ Dennoch: Alle Bereiche bieten jungen Jurist*innen eine hervorragende Schule. Der beste Beweis dafür ist Anne Graue selbst, die bei TIER auch die internationale Konzernstruktur mit aufbaut.

„Wir agieren schnell und oft auf Zuruf. Meist haben wir nur wenige Wochen Zeit, um einen Markteintritt rechtlich vorzubereiten. Wir gründen vor Ort Niederlassungen, bereiten Einstellungen von Mitarbeitern vor und arbeiten eng mit lokalen Kanzleien, die landesspezifisch beraten. Dabei macht die Kanzlei-Koordination einen Großteil der Arbeit aus.“

„Mit der Akquise des Unternehmens Pushme erweitern wir künftig unser Geschäftsfeld. Als Legal-Team haben wir den Deal vorbereitet, geprüft und begleitet.“

Zu Graues beruflichen Highlights zählt vor allem die Entwicklung eines Code of Conducts mit Verhaltensgrundsätzen und einer darauf aufbauenden Compliance Roadmap: „Ich finde es großartig, dass ein so junges Unternehmen wie TIER Wert auf Compliance legt.“ Auch die Akquise der britischen Firma Pushme Bikes Ltd gehört zu ihren Lieblingsprojekten: „Dank Pushme geht unser Geschäftsfeld künftig über das reine E-Mobilitäts-Sharing hinaus“, erklärt die Juristin. „Bald können unsere Kunden die Batterie ihres Scooters in stationären Shops mit Ladestationen selbst austauschen. Den Deal mit Pushme haben meine Kollegen und ich vorbereitet, rechtlich geprüft und begleitet, sowie die post-merger Begleitung betreut. Ein tolles Projekt.“

Als größte Herausforderung sieht die Associate General Counsel die Schnelligkeit ihres Berufsalltags: „TIER und die gesamte Branche sind auf rapides Wachstum ausgerichtet. In nur anderthalb Jahren sind wir in 85 Städte expandiert und haben u.a. die Pariser E-Scooter-Ausschreibung gewonnen. Was andere Unternehmen jahrelang planen, passiert bei uns Schlag auf Schlag.“ Dabei wollen Graue und ihr Legal-Team vor allem als Gestalter agieren und Prozesse von Beginn an begleiten: „Wir möchten das Geschäft aktiv optimieren und nicht als letzte Hürde in einem Prozess gesehen werden. Diese Rolle ist oft ein Balance-Akt.“

„Ich kann mich voll und ganz mit unseren Produkten identifizieren. Es motiviert mich, die Unternehmensziele voranzutreiben.“

„Dass ich als Inhouse-Juristin bei TIER genauso wie alle anderen an einem gemeinsamen Ziel arbeite, ist sehr motivierend. Ich kann mich voll und ganz mit unseren Produkten identifizieren“, so Graue. „Change mobility for good – wir wollen Mobilität revolutionieren. Und anders als in einer Kanzlei, bin ich von A bis Z Teil des Prozesses.“ Die Juristin ist nicht nur von der zukunftsorientierten Mobilitätsbranche überzeugt, sondern auch von der progressiven Unternehmenskultur ihres Arbeitgebers. „Ich finde es extrem wichtig, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern eine Stimme geben und wirklich zuhören. TIER hat dafür ein Q&A eingerichtet, über das Fragen von der Geschäftsführung beant-wortet werden. Hinzu kommt ein anonymes Feedback-Tool für wöchentliche Umfragen, deren Ergebnisse direkt in der Führungsetage landen und auch in konkrete Lösungsvorschläge übersetzt werden“, so Graue. „Eine moderne Möglichkeit, allen eine Stimme zu geben.“

„Wenn Juristen zu spät ins Start-up geholt werden, müssen diese einiges an Aufräumarbeit leisten. Das ist chaotisch und kostet Zeit und Geld.“

Anne Graue liebt ihren Beruf und glaubt an die Karrierechancen, die Start-ups dem juristischen Nachwuchs bieten: „Rechtsthemen und Compliance werden in der Start-up-Welt immer wichtiger. Wenn Juristen erst spät ins Start-up geholt werden, müssen diese einiges an Aufräumarbeit leisten. Das ist nicht nur chaotisch, sondern kostet auch Zeit und Geld“, weiß die Juristin. „Deswegen werden Rechtsexperten immer früher Teil von Start-up-Teams, um saubere Rechtsprozesse, Verträge und Compliance-Strukturen aufzusetzen.“ Da mit steigender Mitarbeiterzahl auch mehr Rechtsfragenanfallen, empfiehlt Graue gerade größeren Start-ups, auf eine Inhouse-Beratung zu setzen, die Risiken erkennt und proaktiv angeht. „Auch Themen wie Gleichbehandlung oder Verhaltensrichtlinien werden von externen Kanzleien oft nicht bearbeitet, obwohl diese für eine gute Arbeitskultur entscheidend sind. Deswegen sollte ein Jurist immer mit im Team sein.“ Wer eine Karriere im E-Mobilitätssektor anvisiert, müsse nicht nur an Innovationen interessiert sein, sondern auch den Wunsch mitbringen, etwas zu bewegen.

Graue ergänzt: „Technische Affinität ist natürlich ein riesiger Vorteil. TIER ist Mobilitätsdienstleister, operativ tätig und dazu ein Tech-Unternehmen. Dementsprechend kommen sowohl Fragen zur Produkthaftung als auch zum IP- und IT-Recht auf. Vielseitigkeit ist ein großes Plus.“

CategoriesAllgemein