„Venture Capital ist für mich der Inbegriff von Innovation“

Eva-Juliane Stark ist Rechtsanwältin bei P+P Pöllath + Partners. Neben ihrer Haupttätigkeit hat sie mit Venture Ladies ein Netzwerk für Frauen in der Start-up- und Venture-Capital-Szene ins Leben gerufen. Gleichzeitig ist sie Investorin und wurde vom Bundesverband Deutsche Start-ups in der Kategorie „Beste Investorin“ nominiert. Im Interview erzählt sie, was hinter ihrer Gründung steckt und wie sich ihre Tätigkeiten gegenseitig bereichern.

Eva-Juliane Starks Fokus liegt auf Corporate Law und Venture Capital. Als sie als junge Anwältin auf der Bühne der European Venture Capital Association zum Thema „Trends im Venture-Capital“ spricht, wird der Blick ins Publikum zum Aha-Moment: „Ich schaute in ein Heer von Herren. Nur drei Frauen konnte ich unter den knapp 200 Gästen entdecken“, so die Anwältin. „Warum sitzen hier nicht 100 Frauen und 100 Männer?“ Gerade Venture Capital sieht Stark als Inbegriff von Innovation und sagt: „Es kann nicht sein, dass 50 Prozent der Bevölkerung an diesem Innovationsprozess nicht teilhaben.“

„Mit Venture Ladies sorgen wir für mehr Diversität in der Szene und unterstützen Gründerinnen bis zum Exit.“

Stark erkennt die Chance, Diversität zu stärken und bisher unbeachtetes Marktpotential zu erschließen. Ihr erster Schritt: Der Austausch mit anderen Frauen, die im Venture Capital tätig sind. „Es wurde schnell klar, dass gerade in Deutschland Frauen in diesem Bereich unterrepräsentiert sind. Dazu kam der Wunsch, mich als Venture-Capital-Expertin zu positionieren. So entstand schließlich Venture Ladies – das war wie ein Stich ins Wespennest“, erzählt die Gründerin. Was 2014 mit einem Kreis aus zwölf Frauen begann, ist heute ein Netzwerk mit über 2.500 Mitgliedern. „Ganz interdisziplinär findet man bei uns alle Akteurinnen von der Early-Stage-Gründerin über den Managing Director bis zum Senior-Investment-Manager“, so Stark. „Genau dieser Mix, mit dem gemeinsamen Nenner der Start-up-Szene, macht die Venture Ladies so spannend.“ Die Mission des Netzwerks: Für mehr Diversität in der Venture-Szene sorgen, Gründerinnen von Beginn an bis zur Finanzierungsrunde oder zum Exit unterstützen und als weiblicher Inkubator fungieren.

„Netzwerken unter Frauen erlaubt einen ehrlichen, entspannten und inhaltlichen Austausch.“

Bei den ersten Formaten der Venture Ladies steht vor allem der Community-Gedanke im Fokus. Auf Meet-ups oder bei Stammtischen treffen Mitglieder aufeinander und tauschen sich aus. „Dank unseres starken Netzwerks können wir die richtigen Leute zusammenführen und Gründerinnen die passende Beratung für die Phase vermitteln, in der sie gerade stecken“, so Stark. Inzwischen stehen auch Workshop-Angebote auf der Agenda. Schnell wurde deutlich, dass Venture Ladies Frauen einen offenen Raum bietet, der ihnen nicht immer zur Verfügung steht: „Wenn der Austausch allein unter Frauen stattfindet, hat Sexismus keinen Platz mehr. Das macht auch den Erfolg unserer Meet-ups aus“, sagt die Gründerin. „All die Störfaktoren, die auf Konferenzen mit einem hohen Männeranteil aufkommen, verschwinden bei uns. Expertinnen können sich bei uns ehrlich, entspannt und mit Fokus auf den Inhalt austauschen.“

„Jede Rechtsberaterin und jeder Jurist kann sich wirtschaftliches Wissen aneignen, um besser beraten zu können.“

Auch Eva-Juliane Stark genießt die Perspektive, die sie bei den Netzwerktreffen einnimmt: „Ich lerne fachlich dazu, schaue über meinen juristischen Tellerrand und habe die Chance, zu verstehen, wie die Industrie, die ich berate, überhaupt funktioniert.“ Wirtschaftliches Verständnis – das sollte sich der Anwältin nach jeder Rechtsberater im Venture Capital aneignen, um die Lebensrealität von Mandantinnen und Mandanten erfassen zu können. „Dass ich dank Venture Ladies Geschäftsmodelle, Produkte, Markt und Akteure – sowohl Gründerinnen als auch Investoren – verstehen lerne, macht mich zu einer besseren Beraterin und motiviert mich sehr“, so Stark, die im Zuge von Venture Ladies auch selbst Investorin wurde. Aktuell ist sie an fünf Portfolio-Gesellschaften beteiligt.

„Was mich als Investorin ausmacht: Ich bewahre Start-ups vor teuren und teilweise irreparablen Fehlern.“

„Unabhängig von meiner Arbeit als Rechtsanwältin investiere ich sehr frühphasig als Business Angel – teilweise noch vor der Gründung“, sagt Stark. „Ich stehe als Coach und Sparringspartnerin bei allen Fragen zur Verfügung. Dabei bringe ich meine rechtliche Expertise ein, coache aber auch zu anderen Fragestellungen.“ Ein Mandatsverhältnis besteht, wegen möglicher Interessenskonflikte, in diesen Fällen aber nicht. Alle fünf Start-ups, an denen Stark beteiligt ist, kommen aus dem Venture-Ladies-Umfeld: „Ich habe die Gründerinnen über Workshops kennengelernt und bin in meine neue Rolle langsam reingewachsen.“ Ihr stärkster USP als Investorin: Die Legal-Expertise und das unschlagbare Netzwerk. „Ich bewahre Gründerinnen vor vielen Fehlern, die sie aufgrund knapper Ressourcen, wenig Zeit und mangelndem rechtlichen, steuerlichen und strukturellen Wissen machen“, erklärt die Juristin. „Diese Fehler können sehr teuer und irreparabel sein. Und diese Hilfe macht mich bei meinen Start-ups beliebt.“

„Die Nominierung als Beste Investorin ist ein Ritterschlag für mich und mein Engagement bei Venture Ladies.“

Die Wertschätzung ihrer Gründerteams zeigt sich auch in der Nominierung als „Beste Investorin“ beim Bundesverband Deutsche Start-ups 2020. Stark erklärt: „Man wird aus der Crowd nominiert. Zwei meiner Teams haben mich wohl vorgeschlagen. Dass ich es letztlich auf Platz drei geschafft habe, war bereits ein Ritterschlag für mich.“ Die Juristin vermutet, dass die Gründung der Venture Ladies bei ihrer Platzierung eine entscheidende Rolle gespielt hat. „Ich glaube, es war ein Pluspunkt für die Jury, dass ich bereits seit 2014 so intensive Netzwerkarbeit betreibe und weibliche Gründerinnen und Investorinnen fördere. Der Community-Impact ist neben dem finanziellen Investment sicher nicht irrelevant.“

„P+P Pöllath + Partners unterstützt mich und meine Projekte. Hohes Engagement ist Teil meiner Beraterpersönlichkeit.“

Venture Ladies und die Arbeit als Investorin haben Starks juristischer Karriere einen Schub verpasst. Und auch ihre Kanzlei, P+P Pöllath + Partners, bestärkt sie: „Meine Kanzlei hat bei der Gründung von Venture Ladies eine wunderbar unterstützende Rolle gespielt.“ Die Absprachen mit ihrem Arbeitgeber ermöglichen es Stark auch, ihre Rollen und Projekte zu vereinen: „Meine Kanzlei fördert mich zu 100 Prozent bei allem, was ich tue. Dabei widme ich nicht meine ganze Lebenszeit anwaltlichen Tätigkeiten. Das war natürlich ein Entwicklungsprozess“, erklärt die Anwältin. „Ich möchte meine Zeit auch für Venture Ladies, als Investorin oder für meine Familie nutzen.“ Und auch die Kanzlei profitiert von einer Anwältin, die in der Szene bestens vernetzt ist, spezifisches Know-how hat, Engagement zeigt und eine eigene Marke aufbauen konnte. „Über 60 Prozent meines Geschäfts habe ich selbst akquiriert“, so Stark. „Ich bearbeite alles mehr oder weniger eigenständig und bin denke ich auf dem richtigen Weg.“ Starks Engagement ist Teil ihrer Beraterpersönlichkeit. Das sieht und schätzt auch ihr Arbeitgeber.