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Moritz Holzgraefe, Leiter Regierungsbeziehungen bei Axel Springer: „Transparente Lobbyarbeit ist ein wichtiger Teil unserer Demokratie“

Dr. Moritz Holzgraefe ist Leiter Regierungsbeziehungen bei Axel Springer. Die Kernaufgaben des Juristen: Gesetzespläne im Blick haben, Netzwerke pflegen und die Anliegen des Verlags an der richtigen Stelle platzieren. Lobbyarbeit ist für ihn Teil des demokratischen Prozesses. Was das bedeutet und wie erfolgreiche Interessensvertretung aussieht, erzählt Holzgraefe im Interview.

„If you’re not at the table, you’re on the menu”. Dieses Sprichwort bringt für Dr. Moritz Holzgraefe auf den Punkt, was Lobbyarbeit ausmacht. „Wer seine Interessen nicht kommuniziert, wird nicht gehört – das gilt auch und gerade für Gesetzgebungsverfahren“, so Holzgraefe. „Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Politiker oft branchenfremd und darauf angewiesen sind, dass wir unsere Expertise teilen. Das heißt natürlich nicht, dass sie unsere Sicht übernehmen müssen, aber sie sollten verstehen, wo wir gedanklich herkommen.“ Der Jurist widerspricht dem Glauben, Lobbyisten würden die Gesetzgebung unredlich beeinflussen: „Wir platzieren unser Interesse in Gesprächen und gesetzlich vorgesehenen Verbandsanhörungen. Transparenz ist dabei immens wichtig.“ 

„Politik braucht Lobbyarbeit. Denn nur, wenn alle Perspektiven mitgedacht werden, können praktikable Gesetze entstehen.“

In seinem Job zählen vor allem gute Argumente: „Ein Ministerialbeamter oder Bundestagsabgeordneter will und muss sich ein Bild über praktische Gesetzesauswirkungen machen, um Entscheidungen zu treffen. Dabei ist der Austausch mit Lobbyisten und deren Argumenten hilfreich – und auch entscheidend für die Demokratie.“, so Holzgraefe, der politisch und gesellschaftlich immer up to date sein muss: „Ich studiere Pressemeldungen und Tagesordnungen von Ausschüssen, um die für uns relevanten Themen und Anliegen, sogenannte Issues, auf dem Schirm zu haben. Mit Vorstand und Geschäftsführung definieren wir Kernthemen, die ich dann beobachte. Ich analysiere immer, welche Chancen und Risiken ein Gesetzesvorhaben für uns als Medienunternehmen haben könnte. Hier können dramatische Weichenstellungen für die Branche beschlossen werden“, so der Jurist. „Deswegen sind Regierungsbeziehungen und die Nähe zur Gesetzgebung auch so wichtig. Wir müssen vermitteln, wie Gesetze eine Branche betreffen und ob diese praktikabel sind.“

„Erfolgreiches Netzwerken basiert auf Win-Win-Situationen. Alle Seiten müssen profitieren.“

Netzwerkarbeit ist maßgebend für die Arbeit des Head of Governmental Affairs: „Ich tausche mich regelmäßig mit politischen Entscheidern, Ministerien und Verbänden aus und pflege diese Beziehungen. Ein ständiges Geben und Nehmen – beide Seiten müssen von den Informationen profitieren. Wer auf Win-Win-Situationen setzt, baut ein starkes Netzwerk.“ Holzgraefe betont, dass wertvolle Beziehungen auf Vertrauen basieren. „Nur so haben sie langfristig Bestand“, weiß der Jurist, der ebenfalls administrativ arbeitet: „Ich bereite Treffen zwischen unserem Vorstand und Regierungsvertretern vor und stelle sicher, dass wir auf relevanten Podien oder bei Anhörungen dabei sind, um unsere Interessen zu vertreten. Es geht darum, dass Axel Springer eine Stimme hat, die auch gehört wird. Und dafür müssen wir in den richtigen Momenten Präsenz zeigen.“

„Wir setzen uns für eine stärkere Regulierung großer Plattformen wie Google ein, um Meinungsmonopole zu verhindern.“

Ein Thema, für das sich Axel Springer beispielsweise eingesetzt hat, ist ein robustes Diskriminierungsverbot im Medienstaatsvertrag: „Die Offenheit des Internets ermöglicht eine neue Vielfalt an Medienangeboten. Gleichzeitig können durch Plattformen wie Google und Facebook und ihre Netzwerkeffekte dominante bis quasi-monopolistische Strukturen entstehen“, erklärt der Jurist. „Denn sie filtern und sortieren Inhalte und bestimmen so mit, welche redaktionellen Medien sichtbar sind – eine enorme Meinungsmacht. Das Diskriminierungsverbot ist daher ein wichtiges Instrument, dass redaktionelle Inhalte nicht ohne sachlichen Grund gedowngerankt werden.“ Das gesamte Public Affairs-Team setze sich dafür ein, dass die großen Plattformen stärker reguliert werden.

„Auch, weil sich zum Beispiel Google, ein Konzern mit weit über 90 Prozent Marktanteil im europäischen Suchmaschinenmarkt, von der Suchmaschine zur Antwortmaschine entwickelt: Suchende finden oft bereits auf Google direkt, ohne weiteren Klick, alle Antworten. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf unser Verlagsgeschäft“, sagt Moritz Holzgraefe und ergänzt: „Aktuell plant das Wirtschaftsministerium ein reformiertes Kartellrecht, dank dem das Kartellamt künftig besser eingreifen kann – unter anderem, weil Unternehmen mit marktübergreifender Bedeutung gesonderte Vorgaben erfüllen müssen. Ein Beispiel: Sie dürfen sich nicht selbst begünstigen. Wir unterstützen diese Reform.“

„Unsere Arbeit ist für die gesamte Gesellschaft relevant, da wir Journalismus als Säule der Demokratie schützen.“

Dr. Moritz Holzgraefe sitzt an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. „Der politische Austausch ist für mich so interessant, weil dieser Bereich unheimlich komplex und dynamisch ist. Mir gefällt auch, dass ich für Axel Springer als Bindeglied nach außen fungiere. Das erweitert den Horizont“, so der Jurist. „Dadurch, dass ich sehr vorstandsnah arbeite, bin ich in wichtige, langfristige Weichenstellungen involviert.“ Letztlich arbeitet Holzgraefe aber nicht nur für ein Unternehmen, sondern arbeitet auch an grundlegenden gesellschaftlichen Themen. „Das sieht man an dem Beispiel der großen Plattformen. Wie diese agieren, ist gesamtgesellschaftlich relevant. Hate Speech und Datenschutzskandale nehmen zu, Fake-News werden zum Kampfbegriff – diese Themen verdeutlichen, wie wichtig eine angemessene Regulierung ist.“ Dass nachhaltiger Journalismus Säule einer funktionierenden Demokratie ist, steht für Holzgraefe außer Frage. „Ein Beleg dafür ist, dass Autokraten immer zuerst versuchen, Kontrolle über Medien zu gewinnen. Deswegen setzen wir uns für unabhängigen Journalismus mit einer verantwortlichen Absenderschaft ein.“ 

„Axel Springer hat die Digitalisierung als Chance begriffen und macht heute mehr als 70 Prozent des Umsatzes mit digitalen Produkten.“

Bei Axel Springer vereint Dr. Moritz Holzgraefe seine Interessen an Medien und digitalen Fragen: „Keine Branche war und ist so stark von der Digitalisierung betroffen, wie die Medien- und Verlagsbranche. Es gab hier schon früh eine Disruption“, so der Jurist. „Axel Springer hat das schnell als Chance begriffen. Heute macht der digitale Umsatz mehr als 70 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus. Eine beeindruckende Entwicklung. Außerdem ist der Konzern sehr meinungsstark und politisch, das ist gerade für meine Position wichtig.“ Was seinen Arbeitgeber für Holzgraefe außerdem auszeichnet: Axel Springer hat sich als einziger deutscher Verlag Unternehmensgrundsätze gegeben. „Freiheit ist eine entscheidende Determinante davon. Und da finde ich mich auch persönlich stark wieder.“

„Argumentieren, strukturieren, Gesetzesmechanismen kennen – Juristen sind für die Lobbyarbeit prädestiniert.“

Als der Jurist nach seinem Studium bei Axel Springer einsteigt, startet er nicht in der Rechtsabteilung, sondern durchläuft das Management-Einstiegsprogramm und beginnt als Verlagsmanager. „Das war genau richtig. In kurzer Zeit konnte ich viele Konzernbereiche durchlaufen und habe Produkte, die Redaktion und die Vermarktung kennengelernt“, so Holzgraefe. „Diese steile Lernkurve hin zum operativen Management war mir sehr wichtig nach meinem Jurastudium.“ Es folgen Stationen im Beteiligungsmanagement, als Head of Operations und als Chief Operating Officer im eigenen Geschäftsführungsbereich, bis der heutige Lobbyist die Leitung der Regierungsbeziehungen übernimmt. „Inzwischen bin ich mit einer auch juristischen Tätigkeit wieder näher an den Inhalten, die ich im Studium gelernt habe. Aber die vorherigen Positionen waren ganz entscheidend, um meine Arbeit heute glaubwürdig und fachlich fundiert machen zu können.“

Der juristische Background hilft, sagt Holzgraefe: „Natürlich ist ein Jurastudium kein Muss, aber aus meiner Sicht sind Juristen für die Lobbyarbeit prädestiniert. Argumentieren, strukturieren, Gesetzesmechanismen kennen – das sind juristische Skills, die gerade in der Kommunikation mit Ministerialbeamten sehr hilfreich sind.“

„Ein guter Lobbyist investiert in vertrauensvolle Beziehungen, ist kontaktfreudig und bringt Fingerspitzengefühl mit.“

Was gute Lobbyistinnen und Lobbyisten mitbringen sollten, sei Fingerspitzengefühl, Weitblick und Kontaktfreude. „In Verfassungs- und Europarecht aufzupassen, ist sicher auch eine gute Idee. Politisches Interesse muss natürlich da sein“, weiß Holzgraefe. „Gerade wer nicht aus der Politik kommt, kann mit dem Aufbau eines Netzwerks nicht früh genug starten, da Beziehungen über die Zeit reifen müssen und belastbarer werden. In persönliche Gespräche gehen, vertrauensvoll und faktenorientiert agieren – das ist der beste Weg. Ich bin außerdem beispielsweise Young Leader des American Council on Germany und Marshall Memorial Fellow des German Marshall Fund of the United States – solche Netzwerke helfen sehr, um Kontakte zu knüpfen.“ Vieles entwickelt sich dann in der Praxis: „Man lernt nicht nur die offiziellen, sondern auch inoffiziellen Regeln kennen und entwickelt ein Gespür für Politik und Abstimmungszirkel. Grundsätzlich gilt: Lobbyarbeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Mit Kompromissbereitschaft und Flexibilität ist man also gut aufgestellt.“

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