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Swiss Legal Tech 2019: Legal Tech formt die Rechtsindustrie der Zukunft

Swiss Legal Tech 2019: Legal Tech formt die Rechtsindustrie der Zukunft

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Legal Tech – Hype, Chance oder unausweichlich für eine Rechtsbranche, die mit der Zeit gehen will? Diese Frage wird auch auf der dritten Swiss Legal Tech in Zürich diskutiert. Auf den Podien und unter den Besucherinnen und Besuchern kommen dafür internationale Juristen, Entwickler und Designer digitaler Produkte zusammen – und sie sind sich einig: Wer in Zukunft bestehen will, muss Technologie mitdenken.

Eröffnet wird die Swiss Legal Tech auch dieses Jahr von Petra Arends-Paltzer, Mitgründerin der Konferenz, Woman of Legal Tech 2018 und CEO des Davos Digital Forums. Sie bringt die aktuelle Haltung gegenüber Legal Tech auf den Punkt: „Nur bei wenigen ist das Thema wirklich angekommen. Einige Kollegen haben das Gefühl, Legal Tech sei nur ein Hype und anderen ist die Thematik zu komplex – sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Dazu kommen Anwälte, die nach wie vor gut im Geschäft sind und deswegen keinen Druck verspüren, sich mit Legal Tech auseinandersetzen zu müssen.“

„Digitale Tools müssen im juristischen Alltag anwendbar sein, um zu überzeugen.“

Doch Arends-Paltzer betont auch, dass Legal Tech immer präsenter wird. Schließlich strömen inzwischen auch viele junge Unternehmen in den digitalen Rechtsmarkt, hinter denen keine Gründer mit juristischem Background stehen. Legal Tech öffnet die Branche für neue Akteure, während viele Juristen sich nur langsam an Tech-Lösungen annähern. „Deswegen ist es wichtig, dass digitale Tools von Anwälten und Juristen in der Praxis auch wirklich eingesetzt werden können“, so Arends-Paltzer. „So können auch die erreicht werden, für die Legal Tech bisher noch nicht von Bedeutung war.“

„Wer künftig einfachen Zugang und 24/7 digitale Kommunikation bieten kann, gehört zu den Gewinnern.“

Arends-Paltzer weiß auch: Legal Tech in Europa muss anders betrachtet werden als in den Teilen der Erden, in denen Millionen von Menschen der Zugang zu Recht bisher verwehrt geblieben ist – zum Beispiel Afrika und Asien. Gerade hier prognostiziert sie einen Legal-Tech-Boom. Dieser wird auch dadurch befeuert, dass die Branche in Asien über Private Equity und Venture Capital enorm unterstützt werden wird. In Europa werden spezialisierte Experten weiterhin sehr gefragt sein, während digitale Rechtsprodukte einfache anwaltliche Aufgaben übernehmen werden. Besonders wichtig ist jedoch die Kundenperspektive: „Kunden werden dieselben Ansprüche wie in anderen Branchen stellen: einfacher Zugang und digitale Kommunikation – 24/7. Wer das bieten kann, gehört zu den Gewinnern“, so Arends-Paltzer.

„Vier Jahre Legal Tech – doch Anwaltsverbände glauben noch immer an einen Hype, der vorüberzieht.“

Rechtsanwalt Markus Hartung schließt an die Prognosen von Petra Arends-Paltzer an. Der Gründer des Bucerius Center on the Legal Profession zieht in seiner Keynote Fazit und fragt: Was haben wir in vier Jahren Legal Tech tatsächlich erreicht? Nachdem das Gespräch rund um Legal Tech seit der Herbsttagung des Bucerius Center 2015 Fahrt aufgenommen hat, freut sich Hartung, dass das Thema dank noch junger Konferenzen wie der Berlin Legal Tech, Swiss Legal Tech und Vienna Legal Tech immer mehr Raum einnimmt. Doch was hat sich in der Praxis verändert? „Wer zum Beispiel mit Anwaltsverbänden über Legal Tech spricht, hört oft: das ist nur ein Hype, wie vor zehn Jahren mit der Rechtsinformatik“, so Hartung.

Legal Tech im B2B-Sektor: Weniger Kosten und komplexe Sachverhalte, die greifbar werden

Hartung ist sich sicher: „In sieben Jahren werden wir uns fragen, wie wir jemals glauben konnten, ohne digitale Technologien vernünftige Rechtsdienstleistungen erbringen zu können.“ Beim Blick auf die praktische Anwendung von Legal Tech unterscheidet Hartung zwischen B2C und B2B: Während es im B2C-Bereich um die Stärkung von Verbraucherrechten geht, bietet Legal Tech im B2B-Sektor vor allem die Chance, Kosten zu senken und Transparenz zu schaffen. „Riesige Sachverhalte mit Software greifbar machen, darum geht es“, so Hartung. „Software, die automatisiert, analysiert und vor allem auch industrieübergreifend eingesetzt werden kann. Der Rechtsmarkt ist zu klein. Deshalb braucht es branchenübergreifende Lösungen, um für Investoren interessant zu sein.“

Legal Tech im B2C-Sektor: Gestärkter Verbraucherschutz – und ein überforderter Gesetzgeber

Anders sieht es im B2C-Sektor aus. Legal Tech katapultiert Verbraucherschutz auf eine neue Ebene und stärkt Verbraucher wenn es um Mietfälle, Flugentschädigungen oder Verkehrsordnungswidrigkeiten geht. „Die deutsche Justiz ist mittlerweile überfordert von Legal-Tech-Anwendungen wie LexFox. Denn sie wird mit einer immensen Zahl an Fällen konfrontiert, die sich auf einem hohen Qualitätslevel befinden – dazu kommt die Bereitschaft, durch alle rechtlichen Instanzen zu gehen. Das gab es früher nicht“, so Hartung. Legal Tech bringt den Gesetzgeber in Zugzwang und stellt bestehende Prozesse in Frage.

„Es fehlt an überzeugenden Vertriebsstrategien, die Lust auf die Software-Nutzung machen.“

Trotz unterschiedlicher Potentiale sieht Hartung für B2B und B2C dieselbe Herausforderung: „Es gibt für Legal-Tech-Unternehmen keine vernünftige Vertriebsstrategie. Anwender müssen die Tools sehen, mit ihnen arbeiten und diese auch mit bestehender Software kombinieren können“, so Hartung. „Denn nur das, was ich täglich sehe, das verwende ich auch.“ Bei LexFox scheint die Rechnung aufzugehen: Gründer Dr. Daniel Halmer und COO Sebastian Tussing können nicht nur auf „das erste, wirklich relevante Investment im B2C-Legal-Tech-Bereich von etablierten Investoren“ verweisen, sondern berichten auf der Bühne auch von ihrer Methode, dem „Legal Fracking“ – kein Angriff auf die bestehende Anwaltsbranche, sondern eine Ergänzung. Denn LexFox konzentriert sich auf das Durchsetzen geringwertiger, oft vorkommender Ansprüche. Individuelle, komplexe Fälle sehen sie weiterhin klar in der Hand von Anwälten – jetzt und auch in Zukunft.

LexFox: „Wir gleichen das Informations- und Machtgefälle zwischen Verbrauchern und Konzernen aus.“

LexFox‘ Mission: „Verbraucher sollen in der Lage sein, ihre Ansprüche durchzusetzen – unabhängig davon, wie hoch die eigenen finanziellen Mittel und der Anspruch sind.“ Das Team löst damit das Macht- und Informationsgefälle zwischen Verbrauchern und Konzernen auf. Dieses führt bislang dazu, dass Verbraucher nur selten versuchen, einen Anspruch überhaupt durchzusetzen. „Sie fürchten das finanzielle Risiko, wie Anwalts- und Gerichtskosten, sowie die emotionale Belastung. Der Konzern auf der anderen Seite erscheint zudem oft übermächtig“, so Tussing und Halmer. Ihre Hoffnung ist es, dass Verbraucher wieder Vertrauen in die Gesetzgebung haben, gesetzgeberische Ziele auch wirklich erreicht werden und alle den Zugang zu Recht haben, der ihnen zusteht. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt LexFox standardisierte Tools und Automatisierungsprozesse – ein Vorzeigebeispiel für Legal Tech.

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